Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Neubau Viktoriakarree, Bonn
Der Entwurf für den Neubau im Viktoriakarree reagiert sensibel auf die komplexe städtebauliche Situation zwischen der denkmalgeschützten Fassade des ehemaligen Viktoriabads, dem Hauptgebäude der Universität Bonn und der kleinteiligen Umgebungsbebauung. Der Entwurf verbindet denkmalgerechten Umgang mit zeitgemäßer Architektur, hoher funktionaler Qualität und nachhaltigem Bauen. Durch klare Struktur, flexible Nutzungsmöglichkeiten und sensible Einbindung in den städtebaulichen und historischen Kontext entsteht ein zukunftsfähiger Universitätsstandort mit hoher Aufenthaltsqualität.
Die städtebauliche Leitidee orientiert sich am ehemaligen Schwimmhallenbaukörper und den Vorgaben des Bebauungsplans. Zwei viergeschossige Baukörper strukturieren das Grundstück: ein östlicher Bau entlang der Straße Belderberg mit zurückspringendem Staffelgeschoss sowie ein westlicher Baukörper entlang der Neuen Gasse mit geneigter Dachausbildung. Rückstaffelungen sorgen für eine angemessene Einbindung in die Nachbarbebauung. Ein verbindender Erschließungsriegel schafft sowohl die Ost-West-Verbindung als auch die vertikale Erschließung. Durch diese Setzung entsteht ein geschützter Innenhof („Viktoria-Garten“), der als ruhiger Freiraum dient und visuell eng mit den Innenräumen verknüpft ist.
Die Fassadengestaltung leitet sich aus der historischen Viktoriabad-Fassade und der umliegenden Bebauung ab. Horizontale Travertinbänder und vertikale Natursteinlamellen bilden ein prägendes Gestaltungselement, das differenzierte Ein- und Ausblicke ermöglicht und zugleich flexible Nutzungen unterstützt. Die denkmalgeschützte Fassade an der Straße Belderberg wird vollständig bewahrt und durch ein innenliegendes Kastenfenstersystem energetisch ertüchtigt. Ein großzügiger Luftraum mit Lese-Balkonen macht die Fassade im Inneren erlebbar. Transparente Bereiche – insbesondere im Kulturforum – machen die inneren Funktionen im Stadtraum sichtbar. Die Nordfassade des Verbindungsbaus wird als transparente Glasfassade ausgebildet und öffnet das Gebäude zum Innenhof.
Das barrierefreie Gebäude vereint Bibliothek, Kulturforum und Café. Die Bibliothek bildet das räumliche Zentrum und wird über die Neue Gasse erschlossen. Ein großzügiger Luftraum mit zentraler Treppe verbindet alle Ebenen und schafft visuelle Beziehungen sowie Orientierung. Unterschiedliche Arbeits- und Aufenthaltszonen bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten von konzentriertem Arbeiten bis zu Gruppenarbeit. Das Kulturforum mit den Bereichen „Forum Musik“ sowie „litterarium und atelier“ ist unabhängig nutzbar. Das Café im Erdgeschoss belebt den öffentlichen Raum und stärkt die Adressbildung am neuen Platz.
Eine reduzierte Stahlbetonskelettkonstruktion mit Flachdecken ermöglicht flexible Grundrisse und wirtschaftliche Bauweise. Optimierte Spannweiten und der Einsatz von Hohlkörperdecken reduzieren Materialeinsatz und Kosten. Das Energiekonzept folgt einem Low-Tech-Ansatz mit Fokus auf passive Maßnahmen. Eine hochgedämmte Gebäudehülle im Effizienzgebäude-40-Standard, natürliche Belüftungskonzepte und thermische Speichermassen minimieren den Energiebedarf. Ergänzend kommen Fernwärme, Photovoltaik und bedarfsgesteuerte Lüftungssysteme zum Einsatz. Begrünte Dächer verbessern Mikroklima und Regenwassermanagement. Materialwahl und Konstruktion berücksichtigen ökologische Kriterien, Recyclingfähigkeit und Lebenszykluskosten. Die Wiederverwendung vorhandener Natursteinmaterialien stärkt zudem den Bezug zur Geschichte des Ortes.
Ort: Ehem. Viktoriabad Bonn, Belderberg 26, 53113 Bonn
Nutzung: Universität, Bibliothek, Kulturforum, Fahrradgarage, Gastronomie
Architekt: Jan Kleihues mit Michael Alshut und Sebastian Knorr
Bauherr: Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW Köln
Wettbewerb: 11/2025, einer von zwei 1. Preisen
BGF: m²



